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Inhalt
Was ist Frust überhaupt?
Frust entsteht immer dann, wenn ein erwartetes oder gewünschtes Ziel nicht erreicht werden kann.
- Dein Hund sieht einen anderen Hund und möchte zu ihm. Du entscheidest dich aber dagegen und gehst weiter.
- Dein Hund möchte sofort aus der Haustür stürmen. Du möchtest jedoch, dass er zunächst wartet.
- Dein Hund möchte beim Spaziergang an jeder spannenden Stelle stehen bleiben und schnüffeln. Du hast keine Zeit und möchtest weitergehen.
- Oder dein Hund möchte einfach gerade das tun, was ihm in den Kopf gekommen ist – und du sagst: Nein.
All diese Situationen können Frust auslösen. Und wahrscheinlich merkst du schon an unsere Beispielen: Frust gehört ganz selbstverständlich zum Alltag mit Hund.
Wir können nämlich noch so sehr versuchen, unserem Hund jeden Wunsch zu erfüllen – irgendwann kommt die Situation, in der etwas gerade nicht möglich ist. Das ist nicht automatisch schlimm. Im Gegenteil: Mit kleinen Enttäuschungen umgehen zu können, ist eine wichtige Fähigkeit für das Leben.
Wie stark ein Hund Frust erlebt und wie schnell er darauf reagiert, ist dabei individuell. Neben seinen bisherigen Erfahrungen können auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Manche Hunde bringen beispielsweise eine höhere Reaktivität oder eine geringere Fähigkeit zur Selbstregulation mit als andere.
Wie zeigt sich Frust bei Hunden?
enn wir an einen frustrierten Hund denken, haben wir vielleicht zunächst einen Hund vor Augen, der laut bellt oder sich in die Leine hängt. Tatsächlich kann Frust aber ganz unterschiedlich aussehen.
Ein Hund kann beispielsweise:
- fiepen oder bellen,
- in die Leine springen,
- seinen Menschen anspringen,
- hektisch werden,
- stark hochdrehen,
- nach Händen oder Kleidung schnappen,
- Gegenstände beißen,
- sich kaum noch konzentrieren,
- oder Schwierigkeiten haben, nach einer Situation wieder zur Ruhe zu kommen.
Warum zeigt sich Frust so unterschiedlich?
Weil auch unsere Hunde unterschiedliche Strategien haben, mit Emotionen umzugehen. Der eine Hund beginnt lautstark zu protestieren, wenn er nicht zum anderen Hund darf. Der nächste springt seinen Menschen an. Ein anderer wird hektisch und läuft in der Leine hin und her.
Wichtig ist aber, immer den Kontext zu betrachten, die oben genannten Verhaltensweisen deuten nicht zwangsläufig auf Frust hin. Sie können auch andere Ursachen haben.
Gerade im Junghundealter wird Frust häufig zum Thema
Vielleicht kennst du das: Dein Hund war als Welpe eigentlich recht unkompliziert. Warten war kein großes Problem. Andere Hunde waren spannend, aber trotzdem händelbar. Grenzen hast du gesetzt und sie wurden mehr oder weniger akzeptiert.
Und plötzlich zeigt dein Junghund andere Verhaltensweisen.
Im Junghundealter scheinen viele Hunde deutlich schneller hochzufahren. Aus einem kurzen Warten wird Fiepen. Und aus einem „Nein“ scheint plötzlich eine riesige Diskussion zu werden.
Das liegt nicht zwangsläufig daran, dass dein Hund plötzlich „keine Lust mehr auf Erziehung“ hat. Im Laufe der Entwicklung verändern sich unter anderem Emotionen, Motivation, Selbstständigkeit und die Fähigkeit zur Regulation. Gleichzeitig werden Umweltreize immer relevanter und spannender. Auch hormonelle Veränderungen können eine Rolle spielen.
Die Fähigkeit, sich selbst bei dem Gefühl von Frust zu regulieren, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig entwickelt.
Das bedeutet für uns Menschen vor allem eines: Wir müssen Erwartungen und Trainingsaufbau an den Entwicklungsstand unseres Hundes anpassen. Ein Junghund, der in einer bestimmten Situation noch keine Strategie zur Regulation entwickelt hat, kann nicht einfach durch „mehr Frust“ lernen, damit besser umzugehen.
Was ist Frustrationstoleranz?
Frustrationstoleranz beschreibt vereinfacht gesagt die Fähigkeit, mit einer Situation umzugehen, in der ein gewünschtes Ziel nicht erreicht werden kann.
Dabei ist ein wichtiger Punkt: Frustrationstoleranz bedeutet nicht, dass ein Hund keinen Frust mehr empfindet.
Dein Hund darf enttäuscht sein, wenn er nicht zum anderen Hund darf. Er darf es doof finden, wenn das Spiel beendet wird. Er darf sich wünschen, dass du die Tür jetzt sofort öffnest.
Die Frage ist vielmehr, was nach diesem Frust passiert und wie er damit umgeht.
- Kann dein Hund sich wieder regulieren?
- Kann er eine alternative Handlung zeigen?
- Kann er warten, obwohl sein ursprünglicher Wunsch gerade nicht erfüllt wird?
Genau darum geht es beim Aufbau von Frustrationstoleranz. In solchen Situationen ist natürlich auch eine gute Impulskontrolle wichtig, die dafür sorgt, dass dein Hund nicht sofort losstürmt, obwohl er es vielleicht gerne tun würde.
Frustrationstoleranz lernen
Frustrationstoleranz zu trainieren bedeutet nicht, einen Hund möglichst häufig und möglichst lange zu frustrieren. Denn nur weil ein Hund Frust erlebt, heißt das noch lange nicht, dass er automatisch lernt, damit besser umzugehen.
Stell dir vor, dein Hund sieht einen anderen Hund und möchte unbedingt hin. Er darf nicht hin. Er fiept. Er bellt. Er springt in die Leine.
Wenn wir diese Situation immer wieder in genau dieser Intensität wiederholen, lernt unser Hund nicht automatisch, dass er sich auch entspannen könnte. Ist die Situation zu schwierig, kann genau das Gegenteil passieren. Dein Hund ist überfordert und Frust, Erregung und Stress steigen immer weiter.
Wir wollen deshalb bewältigbare Situationen schaffen, in der der Frust zu bewältigen ist.
Der Hund soll die Möglichkeit bekommen, eine Situation zu erleben, damit umzugehen und anschließend wieder in einen regulierten Zustand zurückzufinden. Das bedeutet: klein anfangen.
Übungen zur Frustationstoleranz im Alltag
Beim Thema Frustrationstoleranz gilt, wie bei so vielen anderen Dingen: Der Alltag ist unser Training.
Immer dann, wenn dein Hund etwas möchte und du entscheidest, dass es gerade nicht möglich ist, entsteht eine potenzielle Lernsituation.
Einige typische Beispiele sind:
Warten
Dein Hund möchte aus der Tür stürmen, du möchtest aber zunächst deine Schuhe anziehen?
Das kann eine kleine Übung sein.
Achte darauf, nicht unbedingt 5 Minuten Warten abzuverlangen, sondern beginne mit einer Dauer, die dein Hund bewältigen kann. Bleibt er ruhig, kann es weitergehen. Wird die Situation zu schwierig, war die Anforderung möglicherweise zu groß.
Nicht zu jedem Hund dürfen
Sozialkontakt ist für viele Hunde sehr wichtig und kann entsprechend stark motivierend sein. Dass dein Hund aber nicht zu jedem Hund laufen kann, gehört zum Alltag. Auch hier geht es nicht darum, ihn möglichst lange direkt neben dem anderen Hund sitzen zu lassen, während er innerlich explodiert. Wir können beispielsweise mit größerem Abstand beginnen und dem Hund zeigen, dass es auch eine andere Möglichkeit gibt, mit dieser Situation umzugehen.
An lockerer Leine laufen
Auch Leinenführigkeit hat einen großen Anteil Frustrationstoleranz. Denn dein Hund möchte vielleicht zu einer spannenden Stelle, zu einem anderen Hund oder zu einem interessanten Reiz. Die Leine begrenzt seine Handlungsmöglichkeiten. Er muss also lernen, dass nicht jeder Impuls sofort umgesetzt werden kann.
Das funktioniert allerdings nicht dadurch, dass wir einfach permanent gegen einen ziehenden Hund ankämpfen. Auch hier braucht es einen strukturierten, kleinschrittigen Trainingsaufbau.
Eine Grenze akzeptieren
Manchmal bedeutet Frustrationstoleranz schlicht: „Nein, das geht gerade nicht.“ Dein Hund möchte auf das Sofa, du möchtest das nicht. Er möchte während des Kochens an die Arbeitsplatte und du möchtest das ebenfalls nicht.
Grenzen sind im Zusammenleben unvermeidbar. Und genau deshalb können faire und verständlich aufgebaute Grenzen unseren Hunden Orientierung geben.
Grenzen und Frustration – warum Struktur im Alltag wichtig ist
Wenn wir über Frustrationstoleranz sprechen, lohnt sich auch ein Blick auf unsere alltäglichen Strukturen. Im Miteinander können sie Entscheidungen selbst treffen – aber eben nicht alle.
Wann geht es nach draußen?
Welcher Weg wird gelaufen?
Darf ich zu diesem Hund?
Wann endet das Spiel?
Darf ich den Besuch begrüßen?
Kann ich jetzt durch die Tür?
Wir Menschen treffen jeden Tag unzählige Entscheidungen für unsere Hunde. Deshalb können klare und faire Leitplanken im Alltag eine wichtige Orientierung bieten.
Dabei geht es nicht darum, unseren Hunden möglichst viele Regeln aufzuerlegen. Vielmehr geht es darum, dass dein Hund verstehen kann, was in eurem Zusammenleben gilt.
Denn wenn es überhaupt keine Grenzen oder Strukturen gibt, kann das ebenfalls zu Frust führen. Dein Hund weiß nicht, welche Handlungsmöglichkeiten er hat und welche nicht – und muss entsprechend immer wieder ausprobieren, was funktioniert.
Ein klarer Rahmen kann hier Orientierung schaffen.
Ruhe und ausreichend Schlaf
Ein Punkt wird beim Thema Frustrationstoleranz besonders häufig vergessen: der allgemeine Erregungszustand unseres Hundes.
Stell dir vor, dein Hund ist bereits den ganzen Tag aufgeregt. Morgens eine große Runde, danach Besuch, anschließend ein Ausflug, zwischendurch noch Training und am Nachmittag geht es direkt weiter. Und dann erwartest du am Abend, dass dein Hund entspannt an einem anderen Hund vorbeiläuft und dabei natürlich auch noch Frust aushält.
Denn ein Hund, der bereits mit einer hohen Erregung durch den Alltag geht, hat deutlich weniger Kapazität, mit einer weiteren Herausforderung umzugehen.
Deshalb gehört zur Frustrationstoleranz immer auch die Frage:
Wie sieht der Alltag meines Hundes eigentlich aus?
Kommt er ausreichend zur Ruhe?
Hat er genügend Schlaf?
Gibt es Pausen, in denen nichts passiert?
Oder folgt auf eine aufregende Situation direkt die nächste?
Auch Regulation will gelernt sein und dafür brauchen Hunde überhaupt erst die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen.
Fazit: Frust gehört zum Leben
Frust lässt sich im Zusammenleben mit unseren Hunden nicht vermeiden. Und das müssen wir auch nicht.
Unsere Hunde dürfen erleben, dass Wünsche manchmal nicht erfüllt werden. Sie dürfen warten müssen, Grenzen akzeptieren und lernen, dass ein anderer Hund nicht automatisch Sozialkontakt bedeutet.
Wichtig ist dabei aber, wie wir diese Situationen gestalten.
- Beginne mit kleinen, bewältigbaren Frustmomenten und steigere die Schwierigkeit langsam.
- Beobachte deinen Hund und achte darauf, ob er noch in der Lage ist, sich zu regulieren und alternative Verhaltensweisen zu zeigen.
- Setze im Alltag klare und faire Grenzen, die deinem Hund Orientierung geben.
- Erfülle nicht jeden Wunsch deines Hundes – Grundbedürfnisse natürlich ausgenommen.
- Vermeide gleichzeitig, deinen Hund bewusst mit immer mehr Frust zu konfrontieren, wenn er mit der Situation bereits überfordert ist.
- Und wirf immer auch einen Blick auf das große Ganze: Ein Hund, der bereits mit einem hohen Erregungsniveau durch den Alltag geht, hat weniger Kapazität für zusätzliche Frustmomente.
Denn Frustrationstoleranz entsteht nicht dadurch, dass wir unsere Hunde möglichst viel Frust erleben lassen. Sie entsteht durch Erfahrungen, in denen unsere Hunde lernen, dass Frust bewältigbar ist.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft:
Dein Hund muss nicht lernen, Frust nicht mehr zu fühlen. Er muss lernen, mit Frust umgehen zu können.